Führer Ex

Wie werden aus jugendlichen Punkrebellen in Ostberlin überzeugte Neonazis im vereinigten Berlin? Die Antwort, die der Szene-Aussteiger Ingo Hasselbach mit seinem Leben gibt, ist nun von Winfried Bonengel verfilmt worden. Von Susanne Schulz.

„Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt…“, die Punkversion der DDR-Nationalhymne der Band Mia führt in die Grundstimmung, mit der die Geschichte beginnt ein. Zwei kleine Punker mitten in Ostberlin, die „nur noch raus“ wollen, aus der DDR. Aber nicht nach Moskau oder Prag – nein nach Australien wollen sie. Die Welt ist den beiden Freunden Heiko (Christian Blümel) und Tommy (Aaron Hildebrand) zu klein, vor allem die sozialistische. Sie verunglimpfen die Nationalflagge der DDR und werden prompt erwischt. Tommy wandert dafür in den Knast während Heiko entkommen konnte.

Das Gefängnis als Nazi-Katalysator

Eine der Thesen Ingo Hasselbachs ist, dass der Rechtsradikalismus gerade in den deutschen Gefängnissen seine Verbreitung findet. In seinem Buch „Die Abrechnung“ erklärt er das aus eigener Erfahrung so, dass man erstens im Knast das Leben in einer „Gesellschaft ohne Skrupel“ erlernt und zweitens dort mit der rechtsradikalen Ideologie hautnahen Kontakt erfährt. Bonengel zeigt das durch die zwei Gefängnisaufenthalte der Protagonisten: Als Tommy zurückkehrt, ist er nicht nur äußerlich extrem verwandelt, sondern auch innerlich extremistisch geworden: Kahl geschoren und mit tätowiertem Stacheldraht rund um den Hals pöbelt er Leute auf der Straße an. Tommy hat nun nicht mehr nur das Ziel vor Augen mal nach Australien zu kommen, sondern er will nicht mehr im Sozialismus leben. Deshalb hat er bereits im Gefängnis geplant, mit Heiko aus der DDR zu fliehen.

Die Republikflucht

Die Flucht über die „grüne Grenze“ misslingt gehörig. Nun werden die beiden nicht nur wegen Rowdytums ins Gefängnis geworfen, sondern wegen versuchter Republikflucht als politische Häftlinge in die Festung Waldheim transportiert. Ungeschmikt zeigt „Führer Ex“, wie es im Knast vor sich geht: Eine unmenschliche Hackordnung herrscht unter den Häftlingen, die mit sexuellem Missbrauch und anderen Formen von psychischer und körperlicher Gewalt einhergeht.
Hierbei spielt Friedhelm eine wichtige Rolle – eine Figur, die Hasselbachs Leben entnommen ist. Friedhelm ist ein circa 60-jähriger Gefangener, der eine rechtsradikale Häftlingsgruppierung leitet. Wer Mitglied ist, wird vor der Hackordnung außerhalb der Gruppe geschützt. Tommy gerät wieder in seine alte Gruppe hinein, während der sensible Heiko sich weigert, „bei diesen Rechten“ mitzumachen. Doch wird mit der Zeit auch sein Wille gebrochen und er kriecht unter die schützende Hand Friedhelms.

Ausbruch und Wende

Tommy und Heiko planen einen Ausbruch aus dem Gefängnis. Tommy gelingt auf abenteuerliche Weise seine Flucht, während Heiko seine Chance verpasst. Doch wie es der Zufall will, fällt wenige Tage später die Berliner Mauer und die politischen Häftlinge kommen frei. Tommy, der erfolgreich in den Westen geflohen war, kommt erst einige Zeit später wieder nach Berlin und findet dort seinen Freund Heiko zu seiner Überraschung als Mitbegründer einer Neonazistischen Organisation vor.

In der Szene

Bonengel teilt in seinem Film die wahren Erlebnisse Hasselbachs auf die beiden Protagonisten auf, um die Unbewusstheit der Verwandlung vom Opfer zum Täter deutlicher aufzuzeigen. Der eine – Tommy – zeigt die Grobheit, die für junge Männer generell große Anziehungskraft zu besitzen scheint, dafür aber nur vorübergehend und oberflächlich ist. Der andere – Heiko – zeigt, dass Beeinflussbarkeit im Geiste kein vorübergehendes Phänomen ist und viel fatalere Auswirkungen hat: Heiko ist ideologisch angepasst und verbohrt. Er leitet einen Überfall von Neonazis auf eine Gruppe Autonome – so wie einst auch Hasselbach – und nimmt dabei gefühllos den Mord eines ihm gut bekanten Nachbarmädchens hin. Seine Parteifreunde treiben ihn sogar so weit, dass er Tommy erschießen will.

Der Moment der Einsicht

Doch in dem Moment, als Heiko im Begriff ist, seinen besten Freund zu erschießen, wacht er auf. Auch Ingo Hasselbach hat einen solchen Moment gebraucht, um zu erkennen, woran er sich da eigentlich beteiligt. Das waren bei ihm die Morde in Mölln.

„Führer Ex“ ermöglicht es, dieses Phänomen des Rechtsradikalismus einmal von innen her zu betrachten. Was für Leute sind das? Wie sind sie dazu gekommen? Wie funktionieren diese radikalen Gemeinschaften in ihrem Inneren? Ein einzelner Film kann selbstverständlich nicht all diese Fragen zufriedenstellend beantworten, aber man verlässt das Kino mit einem gefühlsmäßigen Einblick.


„Führer Ex“ (Deutschland 2002)
seit 5. Dezember 2002 in den deutschen Kinos
Länge: 107 Minuten
Regie: Winfried Bonengel
Buch: Winfried Bonengel und Ingo Hasselbach
Künstlerische Mitarbeit: Harry Baer und Ingo Hasselbach
Kamera: Frank Barbian
Mit:
Christian Blümel (Heiko Degener)
Aaron Hildebrand (Tommy Zierer)
Jule Flierl (Beate)
Luci van Org (Elisabeth Degener, Heikos Mutter)

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