Der Anschlag

Seit dem 11. September 2001 wird die Beschäftigung mit dem Wahnsinn terroristischer Anschläge innerhalb der USA auch für Hollywood zum „attraktiven“ Thema. „Der Anschlag“ verarbeitet dieses Schreckgespenst. Eine Kritik von Marius Lechler.

Der Bestseller-Autor Tom Clancy hatte schon immer ein feines Näschen für politische Entwicklungen auf beiden Seiten des Atlantiks. Mit dem fiktiven CIA-Analysten Jack Ryan erfand er eine Figur, die höchst erfolgreich zwischen den Fronten des Kalten Krieges vermittelte und sowohl vor als auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wiederholt die (US-amerikanische) Welt vor den Übeln der Sowjetunion rettete.
Auch in Hollywood legte der zwischen den Buchdeckeln von Bestseller-Romanen entstandene amerikanische Held eine Bilderbuchkarriere hin:
Verkörpert von Alec Baldwin („Jagd auf Roter Oktober“) und Harrison Ford („Die Stunde der Patrioten“, „Das Kartell“) stand er immer an äußerster Front zur Verteidigung der freiheitlichen Werte von „god´s own country“ USA.

Die Perfektion des terroristischen Schreckens

Nun tritt Ben Affleck in die Fußstapfen des Papiertigers Ryan, um – wieder einmal – eine tödliche Bedrohung von den Vereinigten Staaten abzuwenden: Ein internationales Konsortium von einflussreichen westlichen Neonazis unter Leitung des Industriellen Richard Dressler (Alan Bates), die den Amerikanern irgendwie schon immer suspekt waren, plant, eine Atombombe in die USA zu schmuggeln. Die tödliche Fracht stammt von den Golanhöhen, sollte eigentlich von den Israelis im Sechs-Tage-Krieg eingesetzt werden, ging aber verloren. Soweit die leicht absurde Ausgangssituation.

Durch die Detonation dieses Nuklearsprengkopfs mitten in einer amerikanischen Stadt wollen die Faschisten erreichen, dass sich die Supermächte USA und Russland gegenseitig dem Erdboden gleichmachen und somit einem neuen „Vierten Reich“ den Weg ebnen.
Als die Bombe beim Superbowl-Spiel mitten im Footballstadion von Baltimore wirklich detoniert und die halbe Stadt vernichtet, ist der CIA-Analyst Jack Ryan der einzige, der an die Unschuld des russischen Präsidenten Nemerov (Ciaran Hinds) glaubt, während US-Präsident Fowler (James Cromwell als George Bush-Version mit Stil) einen Atomschlag gegen Russland anordnen will.

Wenn Staatsmächte in Panik geraten

Trotz Ryans Erfolgen bei der Ermittlung der wahren Schuldigen, schlittern Amerika und Russland scheinbar unaufhaltsam auf den Ausbruch eines Atomkriegs zu. Was kann da schon ein kleiner Schreibtischhengst gegen zwei auf Kollisionskurs befindliche Supermächte tun?

Kein Zweifel, der einzelne Held siegt natürlich mit Vernunft über die Ignoranz der Staatsmächte, ansonsten hätte ein Film wie „Der Anschlag“ in Hollywoods Happy-End-süchtigem Studiosystem wohl nie das Licht der Welt erblickt.
Oberflächlich betrachtet ein weiterer spannender Agententhriller mit einer Prise weltpolitischer Brisanz, ermöglicht „Der Anschlag“ bei näherer Betrachtung einen aufschlussreichen Blick auf die Fragilität des Mächtegleichgewichts und die Beeinflussbarkeit der obersten Regierungsspitzen im Krisenfall.
Präsident Fowler und sein Stab verhalten sich nach dem Terroranschlag an Bord der Air Force One wie ein Haufen aufgescheuchter Hühner, die aufgrund von Gerüchten und Hörensagen (keiner weiß, wer den Atomschlag wirklich zu verantworten hat) dazu bereit wären, einen Atomkrieg zu riskieren, nur um ihr Gesicht als starke Nation nicht zu verlieren.
„Die wollten mich umbringen! Jetzt ist keine Zeit mehr zu diskutieren!“, schreit der Präsident erbost kurz vor dem Befehl zum Countdown. Es kann wohl nur spekuliert werden, wie der reale US-Präsident in ähnlicher Lage reagieren würde. Man kann ihm nur eine weniger emotionale Denkweise empfehlen, als die, die sein Film-Äquivalent an den Tag legt.

Der schlimmstmögliche Akt des Terrorismus

Ebenso bringt „Der Anschlag“ die Beschäftigung mit der allgegenwärtigen Angst vor terroristischen Anschlägen ins Bewusstsein, die seit dem 11. September und mit den aktuellen Entwicklungen in Israel und dem Nahen Osten nicht nur in den USA eine neue Dimension erreicht hat.

Interessant zu wissen ist hierbei, dass der Film bereits im Juni 2001 gedreht wurde und Clancys Romanvorlage bereits 1991 erschienen war. Die Geschichte scheint auf grausame Weise die Fiktion eines Thrillerautors zu verwirklichen – und doch bleibt man als Zuschauer seltsam unberührt von den schrecklichen Ereignissen, die sich einem auf der Leinwand darbieten.
Dies mag von den zahlreichen technischen Fehlern des Films herrühren – selbst nach der Detonation der Bombe funktionieren Funktelefone und der E-Mail-Versand nach Moskau noch einwandfrei. Oder es liegt an der in einem simplen Nebensatz abgehandelten kollektiven Gewissensberuhigung („Es ist nichts zu befürchten, der radioaktive Fallout wird durch den Wind komplett aufs Meer geweht“).

Viel Lärm um Nichts

Daher entlässt einen ein im Grunde genommen mit politisch relevanten Themen nur „verzierter“ Film wie „Der Anschlag“ mit der trügerischen Sicherheit: „Es kann uns eigentlich nichts passieren, so lange es solche klugen Köpfe wie diesen Ryan gibt, der die Welt rettet, damit alles so weitergehen kann wie zuvor.“
Und diese im Endeffekt naive Grundeinstellung und das Beharren auf der Aufrechterhaltung des Status quo lässt „Der Anschlag“ unterm Strich wieder zu dem spannenden, aber schließlich doch belanglosen Agententhriller zusammenschrumpfen, der er eigentlich ist. Da kann die schöne Utopie einer totalen Vernichtung aller Atomwaffen auf beiden Seiten des Atlantiks, wie sie in der letzten Szene des Films von Russland und Amerika gemeinsam verabschiedet wird, auch nichts mehr retten.


„Der Anschlag“ (USA 2002)
Originaltitel: „The Sum of all Fears“
seit dem 08.08.2002 in den deutschen Kinos
Länge: 118 Minuten
Regie: Phil Alden Robinson
Buch: Paul Attanasio, Daniel Pyne
Vorlage: Tom Clancy
Produktion: Mace Neufeld
Kamera: John W. Lindley
Mit:
Ben Affleck (Jack Ryan)
Morgan Freeman (William Cabot, Direktor des CIA)
James Cromwell (Präsident Fowler)
Liev Schreiber (John Clark)
Alan Bates (Richard Dressler)
Philip Baker Hall (Verteidigungsminister Becker)
Ron Rifkin (Außenminister Owens)
Bruce McGill (Sicherheitsberater Revell)
Ciaran Hinds (Präsident Nemerov)
Bridget Moynahan (Dr. Cathy Muller)

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