Das Who is Who des Terrorismus

Terrorismus ist seit vielen Jahren, lange bevor er in der Gestalt der Attentäter des 11. Septembers 2001 die Bühne der Öffentlichkeit betrat, ein weltweites Phänomen. Antje Helmerich über Strömungen und Zielrichtungen.

Auf allen Kontinenten gibt es terroristische Gewalt, ob in Nordirland und im spanischen Baskenland direkt vor unserer europäischen „Haustür“, ob im Nahen und Mittleren Osten, in Sri Lanka, auf den Philippinen, im kolumbianischen Urwald oder in den peruanischen Anden. Terroristen sind sie allesamt – doch wie unterscheiden sie sich? Welche Typen von Terrorismus gibt es?

Von Haschischessern und Gotteskriegern

Religiösen Terrorismus gab es bereits im 11. Jahrhundert, als die Assassinen, auch Haschischesser genannt, in Persien ihr Unwesen trieben. Religiöser Terrorismus erscheint auch heute noch unberechenbar, für Außenstehende schlicht unverständlich. Indem er sich durch eine übergeordnete Mystik legitimiert, erlangt die Gewalt einen besonders hohen, sich „weltlichen“ Argumenten entziehenden Stellenwert: Aktionen scheinen besonders skrupellos, rücksichtslos auch dem eigenen Leben gegenüber.

Aber: nicht alles, was religiös erscheint, ist es auch. Nach der klassischen Definition strebt der religiöse Terrorismus nach der Errichtung eines Gottesstaates. Doch welche der heute noch aktiven Gruppierungen will das wirklich? Die schiitische Hisbollah im Libanon, die sich zunächst gegen die allgegenwärtige PLO, später gegen die israelischen Invasoren wandte? Die islamische Abu Sayyaf auf den mehrheitlich katholischen Philippinen, die seit Jahren für die Einrichtung eines eigenen Staates kämpft? Selbst die Hamas, deutsch „Bewegung des islamischen Widerstands“, nennt längst die Einrichtung einer islamischen Gesellschaft nur noch nebulös als Fernziel.

Stadtguerilla im Industriestaat?

Ein weiterer Typ ist der linksrevolutionäre Terrorismus. Ihm ist es gelungen, über Jahre hinweg hochindustrialisierte, liberale Rechtsstaaten wie Deutschland oder Italien in Atem zu halten. Man denke zurück an den deutschen „Heißen Herbst“ 1977, als sich die „Stammheimer“ Inhaftierten umbrachten und Arbeitgeberpräsident Schleyer ermordet wurde, als der Rechtsstaat unter Druck geriet und manch polizeiliche Maßnahme ersonnen wurde, die nach dem 11. September wieder aus der Schublade geholt worden ist.

Doch die von der „Stadtguerilla“ geforderte revolutionäre Umgestaltung der bestehenden Ordnung erwies sich als nicht durchsetzbar. „Befreiung aller Unterdrückten dieser Erde“ – damit konnten letztlich die meisten Deutschen oder Italiener nichts anfangen. So verlor der linksrevolutionäre Terrorismus nach seiner „Sternstunde“ in den siebziger Jahren schnell die überlebensnotwendige Unterstützung in der Bevölkerung. Schon die abstrakten, intellektuellen Botschaften blieben für den Großteil der Gesellschaft ein Rätsel.

Söhne des Volkes

Wesentlich erfolgreicher, langlebiger und tiefer verwurzelt ist hingegen der ethnische, meist separatistische Terrorismus. Er entstand in den fünfziger Jahren im Zuge der weltweiten Entkolonisierung. Und er hatte schnell Erfolg: Israel, Zypern und Algerien verdanken ihre staatliche Unabhängigkeit nicht zuletzt den Aktivitäten terroristischer Gruppierungen. Heute denken wir vor allem an die ETA im Baskenland, die IRA in Nord-Irland, die verschiedenen Gruppen in Korsika, wenn wir an ethnischen Terrorismus denken.

Die meisten dieser Organisationen können bereits auf eine jahrzehntelange Existenz zurückblicken. Ihre Langlebigkeit kommt nicht von ungefähr, denn sie haben das, was den Linksterroristen fehlte: enge Verbindung zu jenem Teil der Bevölkerung, deren Interessen sie zu vertreten vorgeben. Sie fühlen sich als Wortführer einer eingekesselten Ethnie, ihre Toten werden verehrt als „Märtyrer einer unterdrückten Nation“, als „Söhne eines leidenden Volkes“. Die Botschaft, das simple „wir gegen euch“, basierend auf einem nationalistischen Freund-Feind-Schema, wird allerorts verstanden, erzeugt Gruppendruck und Solidarität.

Weniger klar sind oftmals die tatsächlichen Ziele. Wollen ethnische Terroristen wirklich immer Unabhängigkeit? Gerade im Westeuropa des 21. Jahrhunderts erscheint dies mehr als fraglich. So geht es meist wohl eher darum, einen Staat dauerhaft zu bedrängen, das gesellschaftliche Klima zu vergiften, Institutionen zu destabilisieren und allerlei Zugeständnisse für die vertretene Volksgruppe zu erpressen.

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