Baader

Andreas Baader als Actionheld und Gudrun Ensslin als sein Püppchen – die RAF ist im Film Baader von Regisseur Christopher Roth eine Gangsterbande, die im Wesentlichen Drogen nimmt, Autos knackt und Banken überfällt. Von Susanne Schulz.

Die BRD zwischen 1967 und 1972 – der Beginn des deutschen Herbstes. In seinem Mittelpunkt stehen die Figuren Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Der Film Baader will Andreas Baader (Frank Giering) als den charismatischen Führer zeigen, als den er sich selbst gern gesehen hätte. Der Kinobesucher begleitet Baader und Ensslin (Laura Tonke), die hier im Wesentlichen Baaders Geliebte ist, durch ein undurchsichtiges Gewirr von Ereignissen und Aktionen der ersten RAF-Generation. Mal werden Autos geknackt, mal konspirative Wohnungen bezogen, plötzlich hält sich die Gruppe, mit arabischen Pässen ausgestattet, in Ost-Berlin auf. Dann befindet sie sich in einem Ausbildungslager der Fatah irgendwo in den palästinensischen Gebieten. Ulrike Meinhof (Birge Schade) tritt dabei sehr in den Hintergrund – taucht so gut wie gar nicht auf.

„Konzeptuelles Unbehagen“

Das ständige Hin und Her, das die Unübersichtlichkeit des Films ausmacht – ist durchaus beabsichtigt. Regisseur Roth meint: „Da muss ein konzeptuelles Unbehagen bleiben.“ Dieses Unbehagen bezieht sich jedoch nicht nur auf die fehlende Darstellung der Motivation der RAF, noch auf den unverständlichen Handlungsablauf des Films. Das Unbehagen entsteht dadurch, dass die Figur Baader im Film kaum etwas mit dem historischen Baader zu tun hat. Auch Ensslin, die intellektuell eine treibende Kraft der RAF war, hält im Film lediglich hölzern vorgetragene Monologe, denen keiner zuhört.

Actionheld ohne Stammheim-Prozess

Die historischen Unwahrheiten im Film gipfeln in der Unterschlagung des Stammheim-Prozesses, indem dem Actionheld Baader ein gebührender Abgang in einer Schießerei mit der Polizei verabreicht wird. Der Zuschauer, der ein paar geschichtliche Daten im Hinterkopf hat, reagiert verwundert, aber gelassen auf diesen dramatischen Tod Baaders. Endlich ist dieser unsympathische Macho weg. Roth beabsichtigt, Baaders damalige Faszination dadurch begreiflich zu machen, dass er aus ihm einen Kotletten tragenden, Unsinn redenden Kotzbrocken macht. Faszination ist aber nicht das, was rüber kommt. Eher völliges Unverständnis, wie so jemand andere motivieren konnte, ohne seiner eigenen Motivation Ausdruck verleihen zu können.

Baader-Puzzle unvollständig

Im Film ist der BKA-Chef Kurt Krone (Vadim Glowna) der einzige, der Andreas Baader wirklich versteht. Er fühlt sich mit Baader enger verbunden, als mit irgendjemand sonst. Die Beziehung des historischen BKA-Präsidenten Horst Herold zu Baader, ist also die einzige relevante Tatsache, die im Film ihre wahre Entsprechung gefunden hat. Der Rest von Baaders Persönlichkeit und dessen Wirkung auf andere, ist wie aus Puzzlestücken irgendwie zusammengesetzt. Diese ergeben aber nicht Baader, sondern einen hedonistischen Actionheld, der die 70er und ihre Trends noch befremdlicher erscheinen lässt, als sie ohnehin schon sind.

Trivialkunst

So haben zum Beispiel die wirkliche Gudrun Ensslin und Andreas Baader – genauso wie ihre Pendants im Film – ständig zu allem Weiblichen „Fotze“ gesagt, und Baader hat tatsächlich beim Autoknacken die schnelleren Luxusschlitten bevorzugt. Das ist aber kein Grund, die Persönlichkeiten auf diese Merkmale zu reduzieren. Denn es waren eben diese Merkmale, und seine und Ensslins intellektuelle Seite, die in ihrer komplizierten Mischung die Faszination ausmachten. Doch um das herauszuarbeiten, darf nicht auf den Stammheim-Prozess verzichtet werden. Roths Versuch, eine historische Persönlichkeit ohne Komplexität darzustellen, ist gescheitert.


„Baader“ (Deutschland 2002)
Kinostart: 17. Oktober 2002
Drehbuch: Christopher Roth und Moritz von Uslar
Produzenten: Stefan Fruth, Mark Gläser und Christopher Roth
Regie: Christopher Roth
Mit:
Frank Giering
Laura Tonke
Vadim Glowna
Birge Schade
Jana Pallaske

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