Auf allen Meeren

Die Kiev war das Flaggschiff der sowjetischen Nordmeerflotte. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde der Flugzeugträger über Nacht zum Fossil. Als Vergnügungspark landete das Schiff nun in China. Roman Maruhn über einen filmischen Abschied.

Die amerikanische U-Boot-Flotte mit ihren Atomraketen hier, die sowjetischen U-Boote dort. Um die jeweils gegnerische Bedrohung durch Unterseeboote zu bekämpfen, bauten erst die Amerikaner ihre große Flugzeugträgerflotte auf, später folgten auch die Russen, wenn auch im kleineren Maßstab.

Kleiner Bruder Kiev – Ein technischer Vorspann

Eigentlich war und ist sie ja gar kein Flugzeugträger, die Kiev. Im Fachjargon als Glattdeckkreuzer bezeichnet, ist sie auch wesentlich kleiner als ihre amerikanischen Kontrahenten. Hauptaufgabe der Anfang der 70er Jahre konstruierten Schiffe der Kiev-Klasse ist neben einer Allrounderrolle die U-Bootbekämpfung.
Ziemlich überladen standen sie dann nach ihrer Fertigstellung da: Flugzeuge, Hubschrauber und dennoch eine große Anzahl an Raketen und Kanonen. Nichts also für Puristen, die einem Träger – entsprechend dem US-Konzept – lediglich Flugzeuge als indirekte Bewaffnung zugestehen.
Dennoch war die Kiev in den Augen der Russen ihr erster Flugzeugträger – die „Anderen“ hatten ja ohnehin viel mehr.

Hauptdarsteller im Hintergrund

Der Hauptdarsteller von Auf allen Meeren ist sperrig und flüchtig. Autor Johannes Holzhausen fängt die Kiev nicht ein. Erzählt ein ehemaliger Seemann des Schiffes von den aktiven Zeiten, dann liegt hinten im Nebel das entkernte Schiff. Zu weit weg, um eine Beziehung aufzubauen. Es ist ja auch nicht mehr die Kiev selbst sondern nur noch ihr Rumpf: Ohne Bewaffnung, ohne Mannschaft, ohne Auftrag und damit auch ohne Sinn.
Genauso weit weg ist aber auch das Originalfilmmaterial der Besatzung oder der offiziellen Stellen: Vergilbt, verwackelt, tonlos – es könnten auch 50 Jahre her sein, dass die Kiev Realität war. Auch in der Nahaufnahme, so bei Wartungsarbeiten durch die Kernmannschaft, scheitert der Annäherungsversuch an das Schiff: Zu groß ist das Ganze und zu unbelebt ist die Kiev nach ihrer Außerdienststellung. Auf ihrer letzten Fahrt – eine demütigende Fahrt am Haken eines Hochseeschleppers – an der norwegischen Küste vorbei in Richtung Süden und schließlich nach China ist die Kiev immer präsent, bleibt aber unnahbar. Störrisch wie ein großer Hund an der Leine scheint das Schiff ausbrechen zu wollen auf dem Weg in eine unwürdige Zukunft als Freizeitpark.

Der Mensch, die Maschine, das Meer und die Heimat

Es sind diese vier Motive, die Auf allen Meeren nicht zum Gegenstand hat, sondern die den Film beherrschen.
Das Meer ist immer dominant – sichtbar oder unsichtbar in den Erzählungen der ehemaligen Mannschaftsmitglieder. Es ist das Meer des Nordens, eine kalte, grüngraue See, bisweilen stürmisch.
Dann gibt es die Maschine Kiev, die ihre natürliche Verbindung mit dem Meer im Film schon aufgegeben hat: Ein Torso, ohne Antrieb, ohne Steuerung. Eindrucksvoll ist auch die Verlassenheit, die einerseits das Schiff und andererseits auch seine ehemalige Besatzung umgibt. „Jedes Schiff hat eine Seele“ sagt einmal der Kommandant der Kiev. Aber es sind die Menschen, die der Maschine eine Seele verleihen.
Schließlich die Heimat: Das Schicksal von Besatzung und Schiff hängt ganz eng mit der Sowjetunion zusammen. Als diese aufhört zu existieren, verlieren beide ihre Zukunft. Für das Schiff endet der Verlust der Heimat als Vergnügungspark, für die Mannschaft in den Wirren der 90er Jahre: So empfiehlt die russische Marine in ihrer Gründungsphase den ehemals sowjetischen und jetzt ukrainischen und damit fremden Besatzungsmitgliedern, Landwirte zu werden.

Luxus Dokumentarfilm

Auf allen Meeren nimmt sich Zeit, eine Geschichte zu erzählen und braucht durch den Verzicht eines Off-Ton-Kommentars vielleicht auch ein bisschen länger dazu. Die ausgespielten Szenen sind aber der Luxus, den sich der Film erlaubt und erlauben kann. Am Ende steht ein atmender und sich selbst erklärender Dokumentarfilm, der den Zuschauer unaufdringlich mit sich nimmt.


„Auf allen Meeren“ (Österreich / Schweiz / Deutschland 2001)
seit dem 17. Oktober 2002 in ausgewählten Kinos
Drehbuch: Johannes Holzhausen
Produzenten:
Johannes Rosenberger
Johannes Holzhausen
Constantin Wulff
Regie: Johannes Holzhausen

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