11’09“01

11 Filme über den 11. September 2001. 11 Regisseure, 11 Bilder aus 11 Ländern. Eine Rezension von Daniel Erk über einen ungewöhnlichen Film.

Im Prinzip ist es nicht möglich, den 11. September 2001 cineastisch aufzuarbeiten.
Im Prinzip ist es nicht möglich – auch nicht in 2 oder gar 3 Stunden – die Zusammenhänge von religiösem Fundamentalismus, westlich dominierter Globalisierung, von Innen- und Außenpolitik und Kultur zu zeigen.
Und prinzipiell ist es auch fragwürdig, ob ein Kino der richtige Ort ist, um den 11. September wieder in die Köpfe der Menschen zu bringen.
Denn gerade dies war doch der Vorwurf an die Vereinigten Staaten: All das, was passierte, und all die Gründe, warum es passierte, zu sehr zu reduzieren und zu sehr in einfache, zu einfache, aber schnell begreifliche Denkschemata zu pressen.

Nicht allgemeingültig, objektiv oder allwissend

Mit 11"09"01 kommt nun ein Film in die Kinos, der um diese Schwierigkeiten weiß, der ihnen nicht aus dem Weg geht und der – ganz offensichtlich – nicht den Anspruch erhebt, allgemeingültig, objektiv oder gar allwissend zu sein.
Der Film besticht nicht durch neue Erkenntnisse oder durch noch nie gesehene Bilder – rein faktisch macht 11"09"01 den Zuschauer, so sehr dieser es vielleicht auch wünschen würde, nicht schlauer.
Keine unbekannten Zusammenhänge von CIA und Al-Qaida, keine Bilder von Sterbenden, keine Zeugenaussagen und keine Schemata.

Freie Assoziationen

Die 11 Filme in 11"09"01 sind freie Assoziationen von 11 Regisseuren zum Stichwort "11. September". Der mathematische, äußere Rahmen – jeder Film ist 11 Minuten, 9 Sekunden und genau 1 Bild lang – bleibt dabei nebensächlich, im Mittelpunkt steht die Vielfalt der Filme, die Vielfalt der Ideen, der dahinter stehenden Kulturen und Wahrnehmungen.
Im Prinzip müsste man viel mehr über den japanischen Film, über die Rezeption arabischer Kinogänger und die Stilmittel nahöstlichen Kinos wissen, um die Qualität, Wirkungsweise und Darstellungsformen von 11"09"01 beurteilen zu können.

Fremde Assoziationen

Wenn beispielsweise der japanische Beitrag mit einer mythologischen Metapher arbeitet und mit Hiroshima einen in den Köpfen der Japaner wesentlich tiefer verwurzelten Teil der Geschichte behandelt, dann kann der mitteleuropäische Zuschauer nur erahnen, was dieser Filmteil dem geübten Auge und dem andere Assoziationen herstellenden Denker in Japan vermittelt.
Ein anderes Beispiel: Im ägyptischen Beitrag steigt ein für deutsche Augen äußerst arabisch wirkender Mann in Uniform aus dem Meer. Er ist zunächst durchsichtig. Erst nach einer Weile erschließt sich, dass der Schauspieler einen toten amerikanischen Marine spielt.

Perpektivenwechsel

So zwingt 11"09"01 den Zuschauer zum Perspektivenwechsel, weckt Interesse, zeigt andere Sichtweisen auf, relativiert ohne zu verharmlosen und ist vor allen Dingen selbst Politikum.
Denn der Film erzählt nicht nur von den Konsequenzen und der Herkunft von Eindimensionalität, Einseitigkeit und Desinteresse. Durch seine Offenheit, Unvoreingenommenheit und vor allem durch seine Vielfalt ist er vielleicht ein Beispiel für einen gangbaren Weg um einem weiteren 11. September vorzubeugen.


„11'09''01 – ein Film von 11 Regisseuren“ (Frankreich 2002)
ab dem 28. November 2002 in den deutschen Kinos
Regisseure: Samira Makhmalbaf (Iran, Claude Lelouch (Frankreich), Youssef Chahine (Ägypten), Danis Tanovic (Bosnien-Herzegowina), Idrissa Ouedraogo (Burkina Faso), Ken Loach (Großbritannien), Alejandro González Inárritu (Mexiko), Amos Gita

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