Wolfgang Koeppen: „Das Treibhaus“

Der Abgeordnete und der Parteienstaat: Ein Spannungsfeld, in dem wenig Platz für die persönliche Ethik zu bleiben scheint. Roman Maruhn hat ein Zeitzeugnis gelesen.

„Der Lokomotivführer fluchte. Was war das für eine Strecke! Dampf geben und drosseln. Schließlich fuhr er einen Expreß. Durch Godesberg und Bonn war man mal durchgerast. Jetzt hielt man.“Bonn Anfang der fünfziger Jahre; die junge Bundesrepublik richtet sich ein. Vor dem Weststaat liegen Entscheidungen, die ihm die Souveränität zurückgeben werden: die Montanunion, eine europäische Armee, Wiederbewaffnung, schließlich die NATO-Mitgliedschaft. Keine zehn Jahre nach Kriegsende spielt Deutschland wieder mit.

1953 veröffentlichte Wolfgang Koeppen „Das Treibhaus“, einen Roman über einen Bundestagsabgeordneten und das Tagesgeschäft in der jungen Hauptstadt Bonn. Jetzt ist das Buch ins Englische übersetzt worden und stößt in den Vereinigten Staaten auf reges Interesse. Koeppen verfasste mit seinen drei Romanen Tod in Rom, Tauben im Gras und Das Treibhaus die so genannte „Trilogie des Scheiterns“. Er gehörte zu den führenden Schriftstellern der Bundesrepublik, erhielt 1962 den Georg-Büchner-Preis und verstarb im Alter von 89 Jahren in München.

Neuer Staat auf verdorbenem Boden

Dampfig, muffig, verdorben. So wirkt Koeppens Treibhaus: die junge Bundesrepublik und ihre politische Schaltzentrale Bonn. Die Funktionäre des untergegangenen Deutschen Reiches sammeln sich und setzen zu ihrem persönlichen Karrieresprung im neuen Staat an. Es ist kein gutes Bild, das Koeppen von den Anfängen unseres Staates zeichnet. Man fühlt sich eher an die DDR-Propaganda über „die BRD“ erinnert.

Einer allerdings kommt von außen nach Bonn: Keetenheuve. Keetenheuve, Koeppens Abgeordneter des Bundestages, emigrierte in seinen besten Jahren aus Hitler-Deutschland und kehrt in das Nachkriegsdeutschland zurück. Die Rückkehr gelingt ihm jedoch nicht. Zu eng ist die Gemeinschaft derjenigen, die das deutsche Verbrechen begingen. Keetenheuve bleibt privat wie beruflich und damit politisch ein Einzelgänger, ein Sonderling, ein Verräter für die, die im Reich geblieben waren.

Reale Vorbilder

Man muss nicht lange suchen, um die Parallelen zwischen den Protagonisten Koeppens und den realen Politikern der beginnenden Fünfziger zu finden: parteipolitische Leitlinien, persönliche Einstellungen führender Politiker. Koeppen, passt seine genau charakterisierten Figuren mit Augenmaß und der richtigen Ausstattung in ihr Amt und ihre politische Ecke ein. Die Bundesrepublik und damit die unterschiedlichen politischen Strömungen jener Zeit beginnen in Form dieser Charaktere zu sprechen.

Allerdings bleiben es Monologe. Ein Dialog, ein Diskurs, eine Debatte findet nicht statt. Zu unüberwindlich sind die Unterschiede und die institutionellen Hürden, die das menschliche Verhältnis reglementieren. Ein starker Staat garantiert das funktionierende Zusammenleben der Menschen, aber eben nur mittelbar über das System selbst.

Die Niederlage und der neue Staat

Koeppens Roman „Das Treibhaus“ sollte zur Pflichtlektüre eines jeden politisch Interessierten gehören. Die Atmosphäre der jungen Bundesrepublik trifft einen empfindlichen Nerv: Koeppen liefert ein Zeitzeugnis ab, das die schlimmsten Ahnungen über die Gründung der Bundesrepublik übertrifft. Dass die BRD die Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches übernommen hat, ist hierbei nur konsequent, nachdem die Kontinuität auch personell und politisch bestand.

Was bleibt, ist die erdrückende Erkenntnis, dass die Deutschen in ihrer Mehrzahl das Ende des Zweiten Weltkrieges als Niederlage und eben nicht als Befreiung verstanden haben. Diese Auffassung erhärtet auch die Meinungsforschung: So antworteten Mitte der fünfziger Jahre auf die Frage, wann es ihnen am besten gegangen sei, 43 Prozent der Deutschen mit „im Kaiserreich“, 40 Prozent mit „in der Zeit zwischen 1933 und 1938“ und sieben Prozent mit „in der Weimarer Republik.“ Vielleicht ist dies der Grund, warum wir anders sind als unsere europäischen Nachbarn.

Kein Platz für Abweichler

Wolfgang Koeppens Verdienst ist es, bereits knapp vier Jahre nach Gründung des Bonner Staates eine literarische Bestandsaufnahme von Politik und Gesellschaft geschrieben zu haben. Kein Geschichtsbuch und keine Biographie kann dabei das Werk des Schriftstellers ersetzen, der aus Fakten und der subjektiven Aufnahme dieser Fakten lebendige Geschichte produziert und zeigt, welche Kräfte die Gegenwart auf das Individuum ausübt. Kräfte, die vernichten können.

Was kann das Buch heute über die Darstellung der bundesrepublikanischen Gründerzeit hinaus vermitteln? Die Aktualität bleibt. Auch in der Berliner Republik müssen sich die Abgeordneten in dem stark institutionalisierten System eines Parteienstaats bewegen, der kaum Platz für individuelles ethisches Handeln lässt. Abweichler – nach verantwortungsvollem Handeln strebende und sich ständig der Selbstreflektion unterwerfende Menschen – werden nicht geduldet.

Wolfgang Koeppen: „Das Treibhaus“, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1972, 170 Seiten, DM 12,80, ISBN: 3518365789.

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