Preis lass nach

Möglicherweise birgt der geöffnete europäische Markt für Verbraucher weit weniger Vorteile als für Hersteller und Importeure. Sarah-Janine Flocke berichtet.

Wer in Deutschland wohnt, isst, aus Rücksicht auf seinen Geldbeutel, öfter Schweineschnitzel. In Italien dagegen sollte man sich als preisbewusster EU-Bürger auf vegetarische Kost einstellen. Denn diese Produkte unterscheiden sich innerhalb der Europäischen Union um bis zu 42% im Preis.

Preisunterschiede trotz Zollfreiheit

Würden EU-Bürger ausschließlich in dem Land einkaufen, in dem der geringste Preis für die gewünschte Ware verlangt wird, könnten sie durchschnittlich 12% sparen. Zu diesem Ergebnis kam zuletzt die EU-Kommission in ihrer Studie für den Binnenmarktanzeiger. Im Rahmen der Untersuchung wurden zwar nur die Preise für Unterhaltungselektronik und Gemüse verglichen, frühere Studien ergaben aber ähnliche Ergebnisse für nahezu alle anderen Produktgruppen, darunter auch Nahrungsmittel, Möbel und Kleidung.

Markteigenheiten, Steuern und Werbung

Wie sind diese Unterschiede, trotz Zollfreiheit, zu erklären? "Beim Gemüse ist das eine einfache Sache, der Wettbewerb für verderbliche Waren läuft oft nur auf lokaler Ebene ab“, erklärt Professor Gerhard Ambrosi, Experte für Europäische Wirtschaftspolitik an der Universität Trier. Diese Erklärung gilt in Maßen auch für andere Waren. Preisunterschiede werden teilweise von den Eigenheiten lokaler Märkte verursacht. Die unterschiedliche Mehrwertsteuerhöhe von 16 bis 25 % und Transportkosten beeinflussen ebenfalls den Einzelhandelspreis. Und nicht zuletzt bestimmen Angebot und Nachfrage den Warenwert. "Die Vorlieben der Konsumenten sind von Land zu Land, und auch innerhalb der Länder, Schwankungen unterworfen. Das ist kulturell bedingt. Mittlerweile wird das Einkaufsverhalten der Konsumenten auch recht exakt vom Marketing der Unternehmen gesteuert“, so Professor Geberg vom Institut für Internationale Wirtschaft in Kiel.

Der Marktwert vieler Produkte ist auch stark abhängig von der Werbung. So zeigen sich auch in der EU-Studie länderspezifische Vorlieben und Abneigungen für bestimmte Marken. Ein Videorekorder von Sony kostet in Schweden beinahe doppelt so viel, wie in Spanien. Das so genannte "Branding“, die Markenbildung, wird von den Firmen dort nicht so hartnäckig umgesetzt. Das Interesse der Verbraucher ist entsprechend geringer.

Die Blockade durch die Unternehmen

In den meisten Fällen, scheinen sich Unternehmen darauf zu verlassen, dass ihre Kunden sich nicht über Preise außerhalb der Landesgrenzen informieren. Oder die Unternehmen sorgen mit rigiden Methoden dafür, dass die Verbraucher von Preisunterschieden nicht profitieren können. Vor einigen Jahren wurde dies besonders auf dem Automobilmarkt deutlich. Einige Firmen versuchten, den Wettbewerb zu kontrollieren, indem sie Händlern den Verkauf an ausländische Kunden untersagten.

Allerdings lässt sich dieser Fall nicht unbedingt verallgemeinern, da es um relativ hohe Summen ging. Aber wer fährt schon für den Kauf eines Sony-Videorekorders oder einer Levi´s Jeans in ein anderes Land, auch wenn die Artikel dort zum Schleuderpreis zu haben sind. Ein Vergleich erscheint Privatleuten überdies oft zu kompliziert. Hinzu kommt, dass sich tatsächlich nur wenige EU-Bürger der großen Preisunterschiede bewusst sind. Das gibt auch Gerhard Ambrosi zu bedenken: "Man kann nicht alles auf die Firmen schieben. Die mangelnde Transparenz zu beheben, und die richtigen Bedingungen für den Wettbewerb zu schaffen, ist Aufgabe der EU-Kommission.“

Garantierechte und Angleichung der Mehrwertsteuern

Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die Kommission schon getan. Ab dem 1. Januar 2002 gilt das neue Garantierecht. Verbraucher, die im Ausland gekaufte und in ihrem Heimatland zu Schaden gekommene Waren, umtauschen möchten, haben das Recht auf ihrer Seite. Eine zweijährige Garantie, auf alle in der EU vertriebenen Waren muss vom Hersteller geleistet werden. Ansprechpartner sind in diesem Falle die Verbraucherverbände.

Im Zuge der EU-Osterweiterung möchte die EU außerdem die Steuersysteme vereinfachen, um die Wettbewerbsbedingungen gerechter und durchschaubarer zu gestalten. Die Mehrwertsteuern sollen angeglichen und von Ausnahmeregelungen weitgehend befreit werden. "Indirekte Steuern können in einem Binnenmarkt Hindernisse für den freien Warenverkehr bilden und Wettbewerbsverzerrungen hervorrufen“, so heißt es in einer Mitteilung der Kommission zur Steuerpolitik in der EU für die nächsten Jahre. Wann diese Zielsetzungen wirtschaftliche Realität werden, und ob sie die Preisunterschiede mildern können bleibt ungewiss.

Was tun?

Der Verbraucher ist auf sich selbst angewiesen. Doch, praktische Informationen über Preisunterschiede sind nicht immer leicht zu finden. Auch Anette Winkelmann von der Verbraucherzentrale NRW sieht die Undurchsichtigkeit des Marktgeschehens als entscheidenden Faktor für die Preisunterschiede und hofft, dass der Euro mehr Transparenz für Verbraucher schaffen wird. Bis dahin können sich preisbewusste Kunden ruhig auf das seit kurzer Zeit geltende Rabattgesetz berufen. "Bei international operierenden Unternehmen sollte man sich nicht scheuen, auf günstigere Preise in den ausländischen Filialen hinzuweisen“, rät sie, "Nicht selten, schlägt man den Preisnachlass doch noch heraus.“ Welche Produkte es auch billiger gibt, kann man aus den Katalogen der Unternehmen, oder deren Internetauftritten für die jeweiligen Länder entnehmen.

Bei welchen Firmen sich die Recherche lohnt, kann man bei den Verbraucherzentralen erfragen, die im letzten Jahr eine Studie zu diesem Thema gestartet haben. Im Gegensatz zu privaten Haushalten, haben auch viele Preisagenturen die Schnäppchenjagd in Europa schon aufgenommen und bieten ihren Kunden internationale Preisvergleiche an. „Viele haben aber keine Ahnung von den Möglichkeiten, die der geöffnete Markt bietet“, fasst Reiner Schmidt von der Preisagentur Münster seine Berufserfahrungen zusammen. "Den meisten Kunden ist egal woher die Ware kommt, allein der Preis ist entscheidend.“


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Über die Importvorschriften informieren die Verbraucherzentralen oder die EU-Kommission.

Eine unabhängige und umfangreiche Studie zu Preisunterschieden für alle Produktgruppen findet sich auch hier.

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