Kampf um das Präsidentenamt 2000

Ein neues Buch befasst sich mit der umstrittensten und wohl kuriosesten Wahl der letzten Jahre – der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2000. Michael Kolkmann hat es gelesen.

Es begann am Abend des 7. November 2000 – zu einem Zeitpunkt, an dem eigentlich alles vorbei sein sollte. Um 22:13 Uhr Ostküstenzeit widerrief der Wahldienst Voter News Service seine Wahlprognosen für den Staat Florida – und die Präsidentschaftswahl 2000 sollte erst 36 hart umkämpfte Tage und mehr als 50 Gerichtsklagen später durch eine 5:4-Entscheidung des Obersten Gerichts in Washington beendet werden.

Das neue Buch „Deadlock“ von Journalisten der Washington Post zeichnet nach, was in diesen 36 Tagen im Einzelnen passierte. Minutiös wird berichtet, welche unterschiedlichen politischen und juristischen Strategien die beiden Lager – Demokraten und Republikaner – verfolgten, und warum die Bush-Anhänger letzten Endes die Oberhand behielten. Zahlreiche am Recount beteiligte Personen konnten für das Buch interviewt werden, das größtenteils auf Artikeln und Reportagen der Journalisten für ihre Zeitung basiert. Wer jedoch nur eine ideenlose Zusammenstellung von Zeitungsartikeln erwartet, wird positiv überrascht: die einzelnen Kapitel fügen sich zu einem gut lesbaren und mitunter spannend geschriebenen Buch.

Demokraten und Republikaner

Gores schwerster Fehler war wohl, von Anfang an nicht auf einen Florida-weiten Recount bestanden zu haben (mit dem er vermutlich gewonnen hätte). Statt dessen verlangte er die Nachzählung einiger weniger, hauptsächlich Demokratisch orientierter Wahlbezirke. Dies, so die Autoren, erweckte jedoch den Eindruck, es ginge ihm eher um die eigene Stimmenmaximierung, nicht um ein unter fairen Bedingungen zustande gekommenes Ergebniss. Die Republikaner wussten von Anfang an, dass sie im republikanisch dominierten Landesparlament in Florida und bei Bundesgerichten, ultimativ beim Supreme Court in Washington, mehr Chancen hatten als bei Floridas Landesgerichten (der Supreme Court in Florida bestand z. B. ausschließlich aus Demokraten) – eine Strategie, die sich auszahlte.

Öffentliche Meinung

Als genauso wichtig wie die Arbeit der Staranwälte erwies sich der ground war – der Kampf um die öffentliche Meinung. „Deadlock“ zeigt detailliert, wie es der republikanischen Partei in Florida von Anfang an in stärkerem Maße als den Demokraten gelang, die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Dieser Startvorteil machte sich bezahlt. Obwohl es in Florida zu einem virtuellen Gleichstand gekommen war, konnten die Republikaner erfolgreich den Eindruck erwecken, Gore habe die Wahl in Florida verloren (hilfreich war natürlich auch, dass Gore voreilig seine Niederlage eingestand und sie einige Minuten später widerrief).

Weil die Republikaner ahnten, dass der ausschließlich von Demokraten besetzte Oberste Gerichtshof Floridas für Gore entscheiden könnte, versuchten sie, auch das republikanisch dominierte Landesparlament Floridas sowie den Obersten Gerichtshof in Washington in das Verfahren mit einzubinden – wie sich später herausstellen sollte, zeitigte diese Strategie Erfolg. Auch die wichtige Rolle von Vertrauten Bushs wie Floridas Innenministerin Katherine Harris und Gouverneur Jeb Bush wird im Buch nachgezeichnet.

Wahlkampf in Amerika

Auf einer anderen, höheren Ebene demonstriert das Buch, welch schwieriges Unternehmen eine Wahlkampagne für das Weiße Haus ist. Die erste Vorbedingung ist Geld. Diese Ressourcen muss der Kandidat in den richtigen Bundesstaaten einsetzen, dabei unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Wahlbotschaften ansprechen und die so genannten „Fußsoldaten“ der Parteien, die Plakate kleben und Wahlbroschüren verteilen, mobilisieren. Weiterhin werden nahezu täglich kostspielige Meinungsfragen durchgeführt und die Journalisten, welche die Kandidaten z. T. mehr als 15 Monate begleiten, wollen bei Laune gehalten werden; und schließlich galt es das zu gewinnen, was als momentum bezeichnet wird: die Bereitschaft bei den Wählern wecken, mit dem vermeintlichen Sieger zu stimmen.

Frühere Fehler rächten sich

Dabei hätte es gar nicht zum Recount in Florida kommen müssen. Als verhängnisvoll erwies sich nach der Wahl, dass sich Gores generelle Wahlkampfstrategie rächte: im Glauben, diese Staaten nicht gewinnen zu können, stellte er z.B. in Ohio, New Hampshire und West Virginia zwei Wochen vor der Wahl sämtliche Wahlkampfaktivitäten ein – Gore sollte diese Staaten am Wahltag schließlich nur mit drei Prozent Unterschied verlieren. Mit nur einem dieser Staaten hätte Gore Florida gar nicht benötigt, um Präsident zu werden.

The Washington Post (Hrsg.): „Deadlock. The Inside Story of America's Closest Election, by the Political Staff of the Washington Post“, Public Affairs, New York 2001, 274 Seiten $23.

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