Die Kriegserklärung

Die Zahl der Opfer ist noch nicht auszumachen, aber es ist nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington mit Zehntausenden von Toten zu rechnen. Thomas Bauer über die Anschläge und mögliche Folgen.

Bereits 1993 hatte es einen Anschlag auf das Wahrzeichen in Manhattan Downtown gegeben. Eine Autobombe auf dem Parkdeck im Untergeschoss hatte dabei sechs Menschen in den Tod gerissen. Doch was sich am Dienstag Morgen ab 8.45 Uhr in New York und Washington abspielte, ist eine offen Kriegserklärung gegen die letzte Weltmacht. Mit mindestens vier entführten Passagiermaschinen wurden die symbolischen Wahrzeichen der Vormachtstellung der USA angegriffen: Ein Flugzeug stürzte ins Pentagon, in die Schaltzentrale des amerikanischen Militärapparates. Zwei weitere zerstörten die Türme des World Trade Centers und machten das Wahrzeichen der amerikanischen Finanzmacht dem Erdboden gleich. Ein viertes Flugzeug stürzte in der Nähe von Pittsburgh ab.

Suche nach den Tätern

Dass nur Terroristen als Urheber für diese Anschläge in Frage kommen können, zeichnet sich bereits ab. Erste Vermutungen deuten in Richtung islamischer Extremisten. Die gesamte Aktion muss über einen langen Zeitraum geplant worden sein. Wie sonst wäre es zu bewerkstelligen, dass vier Passagiermaschinen zum fast gleichen Zeitpunkt ihre Ziele treffen. Außerdem ist davon auszugehen, dass nicht die eigentlichen Piloten am Steuer saßen, sondern die Kidnapper selbst. Kein Pilot würde freiwillig seine Maschine in ein 400 Meter hohes Gebäude inmitten einer belebten Großstadt lenken. Dass wiederum würde bedeuten: Die Terroristen hatten zuvor mit Waffengewalt das Kommando über die Maschine übernommen. Als Ergebnis dieser Überlegung ergibt sich das Täterbild einer gut organisierten und ausgebildeten Gruppe von Fanatikern.

Sicherheitslücken in den USA?

Dass weder FBI noch CIA auf eine solche terroristische Aktion vorbereitet waren, wirft ein schlechtes Bild auf das sicherheitsfanatische Amerika. Wie konnten die Flugzeugentführer in vier verschiedenen Maschinen an mindestens zwei verschiedenen Flughäfen in den USA Waffen an Bord amerikanischer Flugzeuge schmuggeln? Solche Planungen hinterlassen normalerweise Spuren, die von den Geheimdiensten weltweit verfolgt werden. Erste Kongressabgeordnete in Washington wurden bereits zitiert. Sie fordern nun weniger Geld für Kindergärten, Gesundheitswesen oder Bildung. Stattdessen proklamieren sie eine Verstärkung der inneren und äußeren Sicherheit der USA durch Aufrüstung auf allen Gebieten.

Die ganze Welt ist verunsichert und geschockt. Keiner weiß im Augenblick, ob das Ende der Terrorwelle bereits erreicht ist. US-Präsident George W. Bush fliegt aus Sicherheitsgründen vorerst nicht nach Washington.

Nicht nur in den USA, auch in der Bundesrepublik Deutschland hat man die Sicherheitsvorkehrungen drastisch erhöht. Bundeskanzler Gerhard Schröder berief den Sicherheitsrat ein. Es herrscht höchste Alarmbereitschaft bei Polizei, auf den Flughäfen aber auch wahrscheinlich in den Kasernen der Bundeswehr. US-amerikanische und israelische Einrichtungen werden besonders geschützt. Die hessische Regierung empfahl den Firmen in den Hochhäusern der Finanzmetropole Frankfurt am Main gar, ihre Wolkenkratzer nicht zu betreten. Dies sind alles Sicherheitsvorkehrungen. Von offizieller Seite wird in Deutschland versichert, dass keine Gefahr für das Land bestehe.

Ein internationaler Krieg ist nicht auszuschließen

In den nächsten 48 Stunden werden die USA wahrscheinlich mit allem, was sie haben, militärisch auf diese Kriegserklärung reagieren. Ein Politikwechsel steht ins Haus, vor allem gegenüber den Ländern, die bis jetzt die Präsenz terroristischer Einheiten oder Schulungscamps auf ihrem Territorium geduldet haben.

Nach einem Anschlag gegen die Vereinigten Staaten stürzen normalerweise Dutzende von Extremistenverbänden an die Öffentlichkeit, um sich für den Gewaltakt verantwortlich zu zeigen. Diesmal dementieren alle ihre Beteiligung, was bei der zu vermutenden Antwort der USA auch nicht verwundert. Jetzt kommt es darauf an, ob Sudan, Afghanistan und andere dem Terrorismus nicht abgeneigte Nationen den Sprung auf die richtige Seite wagen und dem religiösen Fanatismus Einhalt gebieten. Wenn nicht, dann könnte der Welt ein internationaler Konflikt drohen, der sich nur allzu leicht auch auf andere westliche Länder ausdehnen könnte.

Vielfach wurde es an diesem Tag des Terrors bereits gesagt, aber es ist sicher: Die Welt wird nach dieser Attentatswelle nicht mehr so sein, wie zuvor.

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