Arbeit Poor

Die amerikanische Publizistin Barbara Ehrenreich hat sich die amerikanische Dienstleistungsgesellschaft von innen angeschaut. Sie arbeitete als Serviererin, als Supermarktangestellte sowie als Putzfrau und hat ihre Erfahrungen nun in einem Buch veröffentlicht. Michael Kolkmann hat ihren Erfahrungsbericht gelesen.

arbeitpoor.jpgJedem Amerika-Besucher sind diese Leute schon aufgefallen: sie arbeiten bei McDonalds an der Kasse, packen im Supermarkt die Tüten voll oder arbeiten in einem der unzähligen Diners: Menschen mit low wage jobs; Menschen, die oft zwei oder drei von diesen schlecht bezahlten und minderwertigen Jobs ausüben, um sich selbst oder ihre Familie ernähren zu können. Alleinerziehende Mütter, die versuchen, mit einem Kleinstgehalt von sechs bis sieben Dollar pro Stunde ihre Kinder durchzubringen, Männer, die am Tage in einem Imbiss und in der Nacht auf einer Tankstelle arbeiten müssen, um ihre Familie ernähren zu können. Begünstigt durch eine über Jahre unentwegt gewachsene Wirtschaft sowie durch die Sozialreformen der Clinton-Administration haben sich die Vereinigten Staaten in den letzten Jahren zu einer ausdifferenzierten Dienstleistungsgesellschaft entwickelt.

Die Wallraff-Methode

Barbara Ehrenreich, von Haus aus Naturwissenschaftlerin, zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten zeitgenössischen Publizistinnen der Vereinigten Staaten. In ihrem neuen Buch „Arbeit poor“ mischt sie sich wie einst Günther Wallraff unter die arbeitende Bevölkerung des Dienstleistungssektors, protokolliert und reflektiert ihre Erfahrungen. So arbeitet sie als Serviererin in Florida, als Mitglied einer Putzkolonne in Maine sowie als Supermarktverkäuferin in Minnesota. In diesen Jobs erlebt sie die „Hoffnungslosigkeit des Lohnsklavendaseins“ am eigenen Leib: „Wenn du anfängst, deine Zeit stundenweise zu verkaufen, bekommst du das Entscheidende nicht unbedingt gleich mit: dass nämlich das, was du verkaufst, in Wirklichkeit dein Leben ist“.

Leichter Start

Zunächst illustrieren die Ausführungen Ehrenreichs, wie einfach es ist, einen der low-wage jobs zu bekommen. Ihre Angaben über ihren beruflichen Hintergrund wurden in keinem einzigen Fall angezweifelt. Nur einer von mehreren Dutzend Arbeitgebern machte sich überhaupt die Mühe, ihre Referenzen zu überprüfen. Auf der anderen Seite zögerten die Arbeitgeber auch nicht lange wenn es darum ging, Mitarbeiter zu entlassen.„Hauptsache, ich gebe meine zwei Polohemden und Schürzen zurück“, resümiert die Autorin diese Erfahrung. In einer Art pool gab es stets ausreichend Bewerbungen von anderen Kandidaten, um der regelmäigen Personalfluktuation entgegenwirken zu können. Ausführlich beschreibt Ehrenreich auch die Bewerbungsverfahren, die die Kandidaten von Anfang einschüchtern sollen. Aber auch nach Antritt der Stelle machen die Arbeitgeber gerne ihre Macht deutlich. Das gipfelt im Einbehalten des ersten Lohnschecks, um die neuen Arbeiter von zu häufigen Arbeitsplatzwechseln oder dem einfachen Fernbleiben nach der ersten Woche abzuhalten.

Das Leben als Experiment

Natürlich ist das ganze Projekt ein Experiment: Barbara Ehrenreich hat jederzeit die Möglichkeit, auszusteigen und zu ihrer alten Arbeit, zu ihrem alten Leben zurückzukehren. Ehrenreich arbeitete nicht für Geld, sondern um Material für das vorliegende Buch zu sammeln. So versuchte sie nach eigenem Bekunden auch erst gar nicht, Armut direkt zu erleben. „Ich wollte schlicht herausfinden, ob ich es schaffen würde, mein Einkommen und meine Ausgaben zur Deckung zu bringen, so wie es die wirklichen Armen tagtäglich versuchen“. Dabei fällt es ihr zunächst nicht allzu schwer, für ein Einstiegsgehalt von 2,43 Dollar pro Stunde (plus Trinkgeld) zu arbeiten. Was sie jedoch aus ihrem früheren Leben am stärksten vermisst, ist „das Gefühl von Kompetenz“, das Gefühl, ein Projekt professionell angehen zu können, um angemessene Resultate zu erzielen.

Ein Job reicht nicht

Relativ schnell bemerkt Ehrenreich, dass sie mit einem Job allein nicht über die Runden kommen wird, will sie nicht an ihr altes Bankkonto oder im Auto schlafen. So sieht sie sich, wie so viele Leute im Dienstleistungssektor, nach einem Zweitjob um. So arbeitet sie eine Tagesschicht sowie eine Nachtschicht. Später kommt noch ein Wochenendjob in einem Pflegeheim hinzu. Beleibe nichts ungewöhnliches für Amerikas „working poor“. Nach Berechnungen der National Coalition for the Homeless, die Barbara Ehrenreich zitiert, benötigte man im Jahr 1998 im US-Durchschnitt einen Stundenlohn von 8,89 Dollar, um sich eine Zwei-Zimmer-Wohnung leisten zu können. Die Chance jedoch, für dieses Gehalt einen Job zu finden, lag nach Schätzungen des Preamble Center for Public Policy bei 97 zu 1.

Probleme

Die erste Hürde erwies sich für Ehrenreich in der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Sie hatte zunächst ausgerechnet, dass sie sich mit dem gesetzlichen Mindestlohn eine Wohnung für 500 bis 600 Dollar würde leisten können. Schon bald fand sie heraus, dass ein Wohnwagen in einem der „trailer parks“ bereits 675 Dollar kostete. So startete sie ihre Reise in den amerikanischen Niedriglohnsektor von billigen Motels aus.

Fazit

Ehrenreichs Fazit über ihre Reise durch die amerikanische Dienstleistungsgesellschaft ist zwiespältig. Zunächst bilanziert sie, dass „keine auch noch so miese Arbeit wirklich unqualifiziert ist“. Man müsse „ja nicht nur den Job als solchen lernen. An jedem neuen Arbeitsplatz hat man es auch mit einem neuen sozialen Mikrokosmos zu tun, mit einer bestimmten Eigendynamik, mit jeweils besonderen Menschen, mit einer spezifischen Hierarchie und ganz neuen Gewohnheiten und Leistungsstandards“. Sie habe sich auf dieses Abenteuer aus wissenschaftlicher Neugier eingelassen, um eine mathematische Hypothese zu überprüfen. Doch „irgendwann auf diesem Weg hat sich das Experiment – durch den von langen Arbeitsschichten und unbarmherziger Konzentration erzwungenen Tunnelblick – in einen Test über mich selbst verwandelt. Und den habe ich eindeutig nicht bestanden“.

„Arbeit poor“ ist ein interessanter, abwechslungsreicher und kurzweilig zu lesender Streifzug durch die amerikanische Gesellschaft. Nach Lektüre des Buches ist der Leser aufgefordert, weiterzudenken.

Barbara Ehrenreich:“Arbeit poor. Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft“Verlag Antje Kunstmann, München 2001260 Seiten, 39,80 DM

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