Kosovo, oder: eine Heimat im Chaos

Es ist das Jahr der Rückkehr für die rund 170.000 kosovarischen Flüchtlinge in Deutschland. Arben Krasniqi reiste nach neun Jahren wieder ins Kosovo, um eine Unterkunft für die Eltern zu suchen, denen die Abschiebung droht. Andreas Bock hat ihn begleitet.

Das Treppenhaus wirkt gespenstisch. Durch den zerstörten Eingang pfeift der Wind und läßt die Türen weiter oben im Gebäude knallen. Die Betonstufen, die bis in den achten Stock führen, verlieren sich nach wenigen Metern im Dunklen. Licht gibt es hier nur selten. Strom ist in Suhareka auch acht Monate nach Ende des Krieges noch immer die Ausnahme. „Hier habe ich mit meinen Eltern gelebt“, erklärt Arben Krasniqi. Die Freude des Heimkehrers liegt in der Stimme des 22-Jährigen. Das Feuerzeug, das er hochhält, verbreitet nur schwache Helligkeit.

Vielleicht liegt es am flackernden Licht, oder an den neun Jahren, die er nicht mehr im Kosovo war: Arben scheint weder die Zerstörungen noch den Dreck zu sehen. Die Briefkästen sind aufgebrochen, der Putz ist abgeplatzt und in den Ecken stapelt sich Müll. Für Arben ist das Haus mit dem düsteren Aufgang der Ort seiner Kindheit. 13 Jahre war er gerade, als er im Dezember 1991 zusammen mit der Mutter und den beiden jüngeren Brüdern flüchten musste. Der Vater hatte sich schon zwei Monate zuvor der Rekrutierung zur damaligen Jugoslawischen Bundesarmee entzogen. In Bayern, im Landkreis Fürstenfeldbruck, fand die Familie eine neue Heimat ­ zumindest vorübergehend. Nur Arben, der mit einer deutschen Frau verheiratet ist, genießt ein Aufenthaltsrecht in Deutschland.

Der Weg zurück ist versperrt

Das Feuerzeug in Arbens Hand beleuchtet eine Türe ohne Namenschild. „Hier wohnt mein bester Freund“, erklärt er. Die meisten der Bewohner konnten, wenn sie nicht ins Ausland geflohen sind, nach Ende des Krieges wieder in ihre alten Wohnungen zurückkehren. So auch die Familie des 21-jährigen Perparim, der mit Arben sieben Jahre lang die gleiche Schulbank gedrückt hat. Auch die Krasniqis würden gerne in ihre alte Wohnung im achten Stock zurück. In den nächsten Wochen muss die Familie mit der Ausweisung rechnen, falls sie der „drohenden Abschiebung nicht durch eine gemeinsame freiwillige Ausreise zuvorkommt“, wie es in einem Schreiben des zuständigen Ausländeramtes Fürstenfeldbruck heißt. Der Weg zurück in die alte Wohnung aber ist ihnen versperrt. Seit Juli letzten Jahres werden die zwei Zimmer von einem Mann namens Durak Shala „besetzt, nicht bewohnt“, wie Arben wütend erklärt. Eine Unterscheidung, die auch Hitajete Neziri, die Mutter von Perparim, macht. „Shala bleibt nie hier, der wohnt hier gar nicht“, erzählt sie. „Nein, ich glaube auch nicht, dass er die Wohnung wirklich braucht. Sonst wäre er doch längst eingezogen.“ Außerdem habe sie gehört, dass Shala noch drei weitere Häuser am Stadtrand besitzt. Was auch Hitajete Neziri ärgert. In einem der Nachbardörfer leben ihre Eltern mit zwei Geschwistern: „Elf Menschen in nur einem Zimmer. Und der läßt eine Wohnung leer stehen.“

Symbol des zehnjährigen Siechtums

Das Treppenhaus gleicht dem Eingang in eine verlassene, langsam verfallende Ruine. Hätte man nicht von außen die Vorhänge an den Fenstern und die frische Wäsche auf den Balkonen gesehen, man würde nicht glauben, dass in den 22 Wohnungen wieder mehr als 100 Menschen leben. Wie die regelmäßigen Stromausfälle ist es Symbol des zehnjährigen Siechtums der ehemals autonomen Provinz. „Heute ist hier alles marode und abgewirtschaftet“, beschreibt Francois Charlier, der Sprecher der Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen (UNMIK), den Zustand im Kosovo. Als Slobodan Milosevic das Amselfeld Ende der 80er Jahre als gemeinsamen Nenner des serbischen Nationalismus wiederentdeckte begann auch die Zerstörung der Infrastruktur: Armut und Arbeitslosigkeit sollten die Menschen vertreiben. Investitionen für Industrieanlagen oder die Bildung blieben aus, den Kosovaren wurde zu Tausenden gekündigt, die Universität in Prishtina geschlossen. Eine Rechnung, die nicht aufging. Im Januar letzten Jahres dann der Versuch das Kosovo wie Jahre zuvor Bosnien-Herzegowina „ethnisch zu säubern“: die Kosovaren mit brutaler Gewalt zu vertreiben. Notdürftig verputzte Einschußlöcher an der Außenseite des Hauses erzählen noch von diesen Monaten.

Keine freien Wohnungen

In Suhareka leben knapp 13.000 Menschen. Nach Schätzung der Vereinten Nationen sind mehr als 50 Prozent der 1280 Häuser der Stadt schwer oder ganz zerstört. Was ein Indikator für die Situation in der Region Prizren ist, zu der auch Suhareka gehört. „Es gibt praktisch keine freien Wohnungen mehr“, bestätigt William Tall, Leiter des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) in Prizren. „Die Besetzung von leerstehenden Wohnraum liegt darum an der Tagesordnung“, ergänzt der UNMIK-Sprecher Charlier. „Täglich werden uns wenigsten fünf bis zehn solcher Fälle gemeldet.“ Die Dunkelziffer dürfte laut Charlier aber weitaus höher liegen. „Es ist derzeit unser Hauptproblem.“

Mythos UCK

Arbens Freude über das Wiedersehen mit dem Schulfreund ist groß ­ so groß wie die Enttäuschung über Shala. Der ist nicht nur Kosovare, er soll auch UCK-Kämpfer gewesen sein, wie Arben aus Berichten der Nachbarn weiß. Der Glaube an die Solidarität der Kosovaren und an die Selbstlosigkeit der Befreiungsarmee UCK hat noch am Tag seiner Rückkehr einen harten Schlag erlitten. Auf den Straßen kann man fragen wen man will, jeder weiß von Heldentaten: Die UCK habe im Kugelhagel der serbischen Übermacht Verwundete gerettet, Frauen und Kinder beschützt und Plünderungen verhindert ­ und das nur für die Freiheit des Kosovo. Auch Arben kennt und glaubt solche Geschichten. Der Mythos UCK gedeit mehr denn je. Und er erklärt auch Arbens Verbitterung. Von den vermeintlichen Freunden fühlt er sich jäh alleingelassen. Bei der TMK, der zivilen Nachfolgeorganisation der UCK, wurde er kurz abgefertigt. Man könne nichts tun, da leider die Gesetze fehlten. Und auch sein Cousin Qamil, selbst ein UCK-Kämpfer, konnte bei Shala nichts erreichen. Arben beginnt zu resignieren: „Du kommst nach Jahren in dein Land und hast nicht mal die eigene Wohnung. Sind wir denn Tiere, die auf der Straße leben müssen?“ Qamil wollte mit dem Mann eine einvernehmliche Lösung suchen. Ein Gespräch, erinnert er sich, sei mit Shala aber gar nicht möglich gewesen. „Wo war die Familie, wo waren die Männer während des Krieges? Sie haben kein Recht mehr auf diese Wohnung.“ Das war alles, was er gebrüllt habe.

„Nix Papier, nix Rechte!“

Als wir Shala treffen, arbeitet er gerade an seinem Haus. Oder an dem, was davon noch übrig ist. Von dem Gebäude stehen nur noch die Grundmauern. „Die Serben haben es angezündet und zerstört“, wird er später erklären. Der Mann begrüsst uns freundlich, Gäste aus Deutschland. Gerade als er uns einen Kaffee anbieten will, läßt die Frage des Dolmetschers nach der Wohnung der Familie Krasniqi die Situation kippen. Sein Lächeln verschwindet, er läßt die Schaufel fallen auf die er sich gestützt hatte. „Es ist meine Wohnung“, erklärt er knapp. Und setzt, schon lauter, hinzu: „Ich beweise es!“

Ein Vorhängeschloß öffnet sich knackend und Shala löst eine schwere Eisenketten. Der Weg in sein Büro in einem Nachbargebäude ist frei. Er gesitikuliert und redet pausenlos. „Ich habe Verträge. Es ist meine Wohnung. Die Familie hat keine Rechte mehr!“ Dabei zieht er aus verschiedenen Schubladen Umschläge und Papiere hervor ­ dünne Durchschläge und schlecht lesbare Kopien. Dann findet er, was er gesucht hat. Ein Vertrag, aus dem hervorgeht, dass Gordana Stanisic in der fraglichen Wohnung gelebt hat. Von ihr habe er die Wohnung übernommen, erklärt er. Den Nachweis bleibt er mit der Begründung schuldig, dass er ihn erst vorlegen werde, wenn Familie Krasniqi ihren Vertrag zeige. Warum aber lebe er nicht in der Wohnung? Weil er das Haus seines Bruders bewohne, der noch im Ausland sei. Nach seiner Rückkehr aber ziehe er mit den drei Söhnen in die Wohnung um. Und die drei Häuser am Stadtrand? Dort lebten Flüchtlingsfamilien, erklärt Shala. Er habe auch nur diese eine Wohnung. Dann wechselte er plötzlich ins Deutsche und erklärte mit einer Kopfbewegung in Richtung Arben: „Nix Papier, nix gut und nix Rechte!“ Für Shala war das Gespräch damit beendet.

Letzte Hoffnung

Ob Familie Krasniqi aber ein Recht auf ihre alten Wohnung hat, ist eine Frage, die die UNMIK zu entscheiden hat, die augenblicklich die Polizeiaufgaben im Kosovo wahrnimmt. Die Familie müsse dazu einen Vertrag oder ein ähnliches Dokument vorlegen, aus dem hervorgehe, dass sie der Eigentümer ist, erklärt Fernando de Medinc, der zuständige UNMIK-Anwalt. Ein Nachweis, der aber nach zehn Jahren nicht mehr leicht zu führen sein wird, fürchtet Arben. Und auf die Flucht nach Deutschland, erinnert er sich, hätte die Mutter keine Papiere mitgenommen. Als letzte Hoffnung bleibe nur die Firma „Balkan Suhareka“, für die die Mutter zwölf Jahre als Köchin gearbeitet hat. Das Hochhaus wurde vor 20 Jahren von der Firma mitfinanziert, um Mitarbeitern preisgünstig Wohnungen bieten zu können. Mohamet Shala, der Generaldirektor der Firma, befreit den Gast aus Deutschland nach dem ersten Schluck türkischen Kaffee von der Ungewißheit: „Die Unterlagen über die Eigentumsverhältnisse der Wohnungen sind noch vorhanden“, versichert er. Sein Stellvertreter könne die Papiere am nächsten Tag vorlegen und auch Kopien anfertigen. Und mit Durak Shala, darauf lege er Wert, sei er nicht verwandt. Nach einigen Telefongesprächen und der obligatorischen Tasse Kaffee lagen die gesuchten Papiere am folgenden Tag schon auf dem Schreibtisch von Sylejmann Sopa. „Wohnung Nummer 22 ­ Familie Krasniqi“, liest er. Ja, bestätigt er, die Familie habe dort gewohnt. Und sie habe die Wohnung von Gordana Stanisic übernommen. Womit der Vertrag, den Durak Shala als Beweis vorgelegen wollte, wertlos sein dürfte.

Kein rechtlicher Anspruch

In die Augen von Arben kehrte bei diesen Worten des stellvertretenden Direktors Hoffnung zurück. Gibt es aber auch einen Nachweis über das Eigentum der Familie? Nach Minuten des Blätterns und Lesens hebt Sopa bedauernd die Schultern. „Einen solchen Nachweis kann es nicht geben“, sagt er. Bei der Wohnung handle es sich nicht um eine Eigentumswohnung, sondern um eine Mietwohnung. Einen rechtlichen Anspurch auf die Wohnung hat Familie Krasniqi nicht.

Arben sitzt da, als hätte man ihm eine Ohrfeige gegeben: Die Eltern haben nach ihrer Rückkehr erst mal keine Wohnung. Aber selbst wenn es ihre Eigentumswohnung gewesen wäre, hätte sich an dieser Situation nichts geändert. Die rechtliche Situation stellt sich nach Aussage des UN-Anwalts de Medic so einfach wie unbefriedigend dar: eine Wohnung kann nur dann von der UNMIK geräumt werden, wenn für den bisherigen Bewohner ein Ersatzquartier vorhanden ist. Andernfalls würde man nur ein Problem lösen indem man ein neues schafft. Und Durak Shala wird nach der Rückkehr seines Bruders auf die Wohnung angewiesen sein. Darum könne man ihn kaum entfernen, bedauert de Medic. Egal, ob Familie Krasniqi nun einen Anspruch hat oder nicht.

Auch ohne Unterkunft

Die Absprache zwischen den Vereinten Nationen und Deutschland, wonach Wohnraum die Voraussetzung für eine Abschiebung ist, galt nur für die Winterzeit und endete damit bereits am 20. März. Dies bestätigte auch das Bayerische Innenministerium. Für Arben bleibt nur Kopfschütteln: „Wer da zurück muss ist wirklich arm.“ Wie Arbens Eltern, die mittlerweile ausgereist sind. Auch ohne Unterkunft.

 

Ein Kommentar auf “Kosovo, oder: eine Heimat im Chaos

  1. Ich kann es nicht fassen was mit der Familie geschied ,es gehe doch nicht das der Bund u.Länder so am Arsch vor bei. Mein Gott wenn Sie die Familie Krasniqi keinne Straftaten und Kinder in die Schule oder Arbeiten nach ging,sehe ich wo selber für den Bund arbeitet bzw.Aufträge aller art bekomme keinne grund da für.Es stimmt das bestimmt Asyl-(Anträge)-nicht bis sehr schecht beurteilt wird weil Sie-ER der Sachbearbeiter keinne oder über haupt nicht in der lage ist , weill er über fordert ist schlicht und ergeifen! Es ist halt so ich hofe das Ich nicht selber in der Lage komme, meine besten grüsse an die Famlie Krasniqi nach Kosovo.

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